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Lebendige Zeitzeugen – Die Blutbuchenallee in Barntrup

„Bäume und Steine werden dich lehren, was du von keinem Lehrmeister hörst.“
– Bernhard von Clairvaux

Die Kinder der nahen Grundschule haben sie täglich im Blick. Jogger laufen hier routiniert ihre gewohnte Trainingsstrecke, Hundebesitzer führen ihre Lieblinge aus, zwei kleine Jungen fahren stolz auf ihren Kinderrädern laut klingelnd und vergnügt quietschend durch die Nachmittagssonne des zauberhaften Frühlingstages. Der angrenzende Spielplatz ist gut besucht, Eltern treffen sich hier zum Plausch während die Kleinen im Sand buddeln. Ein älterer Herr sitzt etwas abseits auf einer Bank, das Fahrrad an eine der mächtigen Blutbuchen gelehnt, die Teil der scheinbar endlos langen Reihe von Bäumen ist, die die Stadt Barntrup nach Süden hin in einer geschwungenen Linie umfasst. Ob sie alle wissen, was es mit dieser einzeiligen Allee von Bäumen auf sich hat?

Friedrich M. Dreier, der Direktor des Gymnasiums Barntrup, hat sich intensiv mit der nicht immer rühmlichen Geschichte der Stadt auseinandergesetzt, und hält bei seinen Schülern das Wissen hierum als Mahnung lebendig. Und dies nicht nur, weil die neue Mensa seiner Schule auf dem Platz des ehemaligen Heimes der Hitlerjugend errichtet worden ist. Jedes Jahr setzen sich auf seine Initiative hin Schüler in jährlich neuen Projekten mit der Vergangenheit der Stadt auseinander, auch anhand der nahe beieinander liegenden Denkmäler der Stadt, zu denen auch die Blutbuchenallee gehört.

An ihnen allen lässt sich neben dem Wandel der Zeit und des stilistischen Geschmacks auch sehr deutlich der Wandel im Denken ablesen.

Im ersten Weltkrieges, dessen Beginn in diesem Jahr genau einhundert Jahre zurückliegt, kamen 106 Barntruper Jungen und Männer zu Tode.
hw_1_sh_dunnemal_blutbuchen_8Die meisten fielen im Krieg, einzelne starben im Nachhinein an ihren schweren Verletzungen. Da die meisten auf den Schlachtfeldern in Frankreich blieben, es also keine Gräber gab, an denen die Angehörigen hätten trauern können, schlossen sich Stadtabgeordnete und Kriegerverein, Bürgermeister Quest und Baron von Kerssenbrock, viele Gewerbetreibende und Handwerker zusammen, um einen Gedenkort und ein Ehrenzeichen zu errichten.

Unter ihnen etliche, die später im Nationalsozialismus eine Rolle spielen sollten. 1923 wurde das Denkmal, errichtet nach dem Entwurf von Baurat Dr. Karl Meyer aus Lemgo, an der Stützmauer des Kirchhofes an der Mittelstraße voller Trauer und Patriotismus feierlich eingeweiht. In seiner fast klassizistischen Anmutung eines schlichten Tempels, von zwei Steinbänken eingefasst zum stillen Gedenken, als Ort der Trauer für die Hinterbliebenen, war es einigen Zeitgenossen bei weitem nicht monumental genug.

1925 gründete sich die NSDAP-Ortsgruppe in Barntrup. Nach der Machtergreifung durch die Nazis wurde nun der Wunsch laut, zum zehnjährigen Bestehen der Ortsgruppe ein neues Kriegerehrenmal zu errichten. Doch die Umsetzung bedurfte, möglicherweise aus Mangel an den nötigen Mitteln, noch eines weiteren Jahres.

hw_1_sh_dunnemal_blutbuchen_4106 Blutbuchen wurden, wie eine lange Schützenreihe, vielleicht auch in Anlehnung an die germanisierenden „Heldenhaine“, auf einer Strecke von rund 800 Metern entlang des Begalaufes, der für diese Anlage sogar begradigt wurde, südlich unterhalb des Stadthügels angepflanzt und ein parallel verlaufender Kiesweg angelegt.

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Bei der Einweihung am 12. Juli 1936 übergab der Ortsgruppenleiter die Allee, den Soldatentod glorifizierend, die „als lebendes Mahnmal für alle Zeiten an unvergleichliches Heldentum erinnern“ solle, an Bürgermeister Wedderwille als Vertreter der Stadt. Es sei ihre „heiligste Pflicht“, „die Gefallenenallee stets als Heiligtum“ zu behandeln und zu betrachten, forderte er von den in großer Zahl anwesenden Bürgern.

 

Unter ihnen waren sicherlich auch jene, die am 30. März 1942 ihre jüdischen Nachbarn Julie und Helene Katz, Emma Grünwald, Berta und Hermann Herzberg auf die Straße trieben und sie in Konzentrationslager verschleppen und dort ermorden ließen, die deren weltliches Gut öffentlich versteigerten oder nach der Ersteigerung nach Hause trugen.
Die fünf Barntruper, deren Familien zum Teil seit Hunderten von Jahren in Lippe oder Westfalen lebten, deren Kinder mit anderen gemeinsam zur Schule gingen und spielten.

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Für sie steht seit November 1988 das Denkmal an der großen Twete, in Form fünf senkrecht stehender, roh behauener Sandsteinstelen, die an Eisenbahnschwellen wie auf dem Schienenweg zum KZ denken lassen, zusammengehalten von zwei Bronzebändern, die an Stacheldraht erinnern mit deren Namen und den Bibelworten „Soll ich meines Bruders Hüter sein“ sowie der hebräischen Abkürzung für den Satz: „Ihre Seelen sollen eingebunden sein in das Bündel des Lebens“.

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Bereits 1959 war ein weiteres Ehrenmal mit der Inschrift „Die Toten mahnen die Lebenden 1914-1918 1939-1945“ an der großen Twete installiert worden. Eine parkähnliche Anlage mit Bänken, mit Blick auch auf die Blutbuchenallee, und einem Sandsteinhalbrund, das einen abgesenkten Hof mit Brunnen begrenzt.

 

Noch ließ die Einweihungsrede von Bürgermeister Schünnemann jegliche Übernahme von Verantwortlichkeit für die Greueltaten des dritten Reiches vermissen, als seien alle Barntruper Opfer gewesen, er behauptete, „denn niemand trägt die Verantwortung für das grauenvolle Geschehen“. Doch mahnt er die Jugend, „wachsamen Auges und hellen Geistes in die Verantwortung hineinzuwachsen und aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.“

hw_1_sh_dunnemal_blutbuchen_12Als Ausdruck für diese Mahnung des immerhin bereits anklingenden „Nie wieder Krieg“, das so erst von der nun folgenden Generation postuliert wird, stehen die drei trauernden Frauen des Künstlers Attila Kirilowitsch.

Drei zwei Meter hohe, magere, ausgezehrt wirkende Gestalten tragen auf ihren Armen und ihren Schultern eine große Schale, über die sie ihre gesichtslosen Köpfe senken. Sie stellen die Mütter, die Frauen, die Liebsten der Gefallenen dar, deren nie versiegende Tränen die Schale zum stetigen Überfließen bringen und damit das große Rund am Boden füllen, in dem sie stehen. Überlebensgroß verkörperte reine Trauer.

Der wirkliche Wandel im Denken wurde erst anlässlich der Einweihung des Erinnerungsmals für die jüdischen Opfer deutlich, zu der auch der Überlebende Eugene Katz mit seiner Familie anwesend war, der Mutter und Schwestern im Holocaust verlor.

hw_1_sh_dunnemal_blutbuchen_6Bürgermeister Prof. Dr. Paul Harff tat genau das, was längst überfällig war und was er nun auch in seiner Ansprache einforderte: „Zum andern müssen wir Stellung beziehen. Es wurde falsch gehandelt, nicht nur aus heutiger Sicht, auch unter den damaligen Bedingungen.“ Er zitiert Bonhoeffer, dass „starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschheit mit Dummheit schlägt. … So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dieses als Böses zu erkennen.“ Harff mahnt an: „Wir haben die Pflicht, die Institutionen und Regeln unseres Rechtsstaates und der Teilung der Machtbefugnisse zu erhalten, zu sichern und im Zweifel gegenüber jedem äußeren und inneren Angriff zu verteidigen. Nur so können wir verhindern, dass sich unsere schreckliche Geschichte wiederholt.“

Die meisten Blutbuchen haben die Zeit überdauert. Vielleicht ist es an der Zeit, einhundert Jahre nach dem ersten Weltkrieg, sie neu zu betrachten: Nicht als historische Schützenreihe, nicht nur als Schatten spendende Allee, sondern als Brüder, die einer dem anderen Hüter sind, die Stellung beziehen, Charakter zeigen, mit dem Wissen um die Geschichte.

„Hier wech“, Ausgabe 1, „Dunnemals“
Blutbuchenallee Barntrup, Herr Friedrich M. Dreier
Text: Sabine Hergemöller / Photos: Sabine Hergemöller

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