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Der Turm

Das war das Schlimmste: Das Geräusch, wenn der Schlüssel sich im Bartschloss drehte. Wenn die anderen Schlüssel, die mit an dem dicken Bund hingen, draußen an der Metallblende und am Türblatt klapperten und schabten. Wenn der Schlüssel aus dem Schloss gezogen wurde und ich hörte, wie sich die Schritte umdrehten und mit dem Hinabsteigen der alten Holztreppe entfernten.

Mein Magen zog sich zusammen zu einem eisigen Stein, der Kälte durch all meine Glieder bis in die Zehenspitzen und Haarwurzeln schickte, mich lähmte, verkrampfte, mir Tränen in die Augen trieb und meinen verzweifelten Schrei in dem Kloß in meinem Hals ersticken und zu einem quälenden Wimmern werden ließ.

Ich war gefangen.

Ich presste mich gegen die Tür, drückte und schob, rüttelte an der Klinke, hoffte, sie würde sich doch noch wie durch ein Wunder öffnen und alles wäre nur ein böser Traum.
Sie gab nicht nach.
Der kalte Schmerz verwandelte sich in heiße Blitze, die durch meinen Körper jagten, wie Stromschläge, die mein Gehirn erreichten und es fast zum Explodieren brachten. Jetzt war der Schmerz in mir so groß und schnürte alles in mir zusammen, dass ich fast erstickte, bekam keine Luft, verschmolz mit der Tür, kroch fast hinein, es gab nur sie und mich.

Und die tosende Stille in meinem Kopf.

Ich sackte zusammen, kauerte auf dem verlebten dunklen Dielenboden und sah den Staub, die Flusen in den Dielenritzen, hielt mich mit dem Blick an ihnen fest, bis das Brausen in meinen Ohren verklang.
Irgendwann bekam ich wieder Luft.
Nun schob sich die Verzweiflung vorbei an dem Kloß im Hals, wurde lauter, ich rief, ich schrie, kniete an der Tür, pochte mit den Fingerknöcheln und schlug mit flacher Hand mit aller Kraft ans Holz  und schrie und rief.

Nichts geschah.

Erschöpft sank ich, den Rücken an die Tür gelehnt, zu Boden. Die Tränen verwischten mir den Blick. Alles tat mir weh bis in die Haarspitzen von all dem Schreien und Rufen und Klopfen.
Der letzte Mut und alle Hoffnung schwanden, dass diese Tür sich jemals wieder öffnen würde.

Ich sah mich um. Zum Fenster hinüber, es war zu hoch. Ich wusste, ich käme nicht heran, um es zu öffnen und um Hilfe zu schreien. Ich sah nur ein Stück Himmel, das das Fenster frei gab, satt blau mit kleinen weißen Wolken, die so sachte vorüber zogen, als wären sie Teil einer anderen Welt.

Die Tränen liefen noch immer über mein Gesicht, beinahe tröstlich streichelten sie meine Wangen nun. Nur ein Schluckauf war geblieben von all dem Fast-Ersticken, Schreien, Rufen, Weinen und Schluchzen.
Endlich ließ auch der nach, ich saß einfach da, dort, auf dem Boden, mit dem Rücken an der Tür, bis ich nichts mehr dachte, leer war.

Mir dämmerte, ich war mutterseelenallein.
Niemand würde kommen, mich zu befreien.
Keine Hoffnung.
Nichts als beißende Stille.
Ich war und blieb hier gefangen, nahezu in Stücke gerissen in dem Gefühl ewiger, unendlicher Einsamkeit.

Müde war ich. Das glatte, harte Holz der Dielen  sirrte unter meinen brennenden Handflächen, alles tat so weh. Ein scharfer Splitter schien mir das Herz zu zerschneiden. Ich schleppte mich hinüber aufs Bett, das fühlte sich besser an. Ich sah zur Tür, die sich nicht öffnen würde. Zum Fenster, hinter dem die weißen Wolken noch immer am blauen Firmament dahin segelten. Endlich fielen mir die Augen zu. Ich träumte.

 

Weiße Wolken schweben am satt blauen Himmel entlang wie bedächtige Schiffe. Die Sonne scheint. Es ist warm. Freundliche Stimmen, Kinderlachen.

Familien spazieren den Kiesweg entlang im frischen Grün des lichten Schattens der Bäume, oberhalb des breiten, dunklen, langsam durch die Landschaft mäandrierenden Flusses, der im Laufe der Zeit sein tiefes Bett in die waldige, sonnenüberflutete Landschaft gegraben hatte. Kleine Boote gleiten fern und ruhig auf ihm dahin. Menschen unterhalten sich, lachen. Kinder laufen voraus und zurück, spielen mit Steinchen und Stöcken. Vögel zwitschern.

Und dort, unübersehbar, der große, alte, runde, trutzige Turm aus rohen Steinen, mitten auf der grasbewachsenen Ebene, hoch über dem Fluss. Manche stehen oben, schauen herunter und umher. Sie lächeln und unterhalten sich.
Ich trete ein, dunkel ist es innen und kühl.

Meine Augen gewöhnen sich an des Dunkel, ich schaue mich um, werde der alten Holztreppe gewahr, die sich an die starke Steinwand hinauf bis nach oben schmiegt, bis zur von dicken Balken getragenen Dielendecke des nächsten Geschosses. Menschen gehen hinauf und hinab und auch ich steige empor. Dem ersten Stockwerk folgt ein weiteres. Schließlich klettere ich durch die schwere, geöffnete Holzluke nach draußen in das freundliche, warme Sonnenlicht. Um mich herum Andere. Entspannt, gelassen genießen sie den zauberhaften Tag.

Neugierig und erwartungsvoll nähere ich mich der beschützend dicken Brüstung, um ebenfalls einen Blick zwischen den Zinnen hindurch in die malerische Landschaft zu werfen. Was ich sehe, freut mein Herz.
Tief unter mir liegt der Fluss mit seinen Biegungen und kleinen Booten, der Wald, die Menschen auf dem Weg sehen aus wie kleine Figuren einer Spielzeugeisenbahn, ihr Lachen und Reden klingt bis hinauf zu mir. Über mir das Himmelsblau mit weißen Wolkenschiffen.

Und ich bin glücklich.

Ich trete einen Schritt zurück, drehe mich um und sehe, ich bin ganz allein auf dem Turm. Die Falltür, geschlossen, ist eins mit dem Boden.
Panik steigt auf in mir, ich versuche, die massive Türe zu öffnen an dem dicken Eisenring, doch sie ist viel zu schwer, keinen Millimeter bewegt sie sich.
Ich bin gefangen.

Zurück zur Brüstung, beuge ich mich hinunter, kann die Menschen tief unter mir sehen und hören.
Ich rufe, schreie, winke, aber niemand hört mich.
Erneut laufe ich zur Bodenluke und rüttele am Eisenring. Das gewichtige Holz bewegt sich nicht.
Rauch dringt durch die Ritzen, Flammen züngeln empor. Heiß wird der Eisenring, er versengt mir die Finger, die Falltür geht lodernd in Flammen auf, sie brodeln und schlagen hoch aus dem Loch, das brennende Holz fällt in die Tiefe und durch den Rauch kann ich sehen, wie auch die Treppe und die Zwischendecken lichterloh brennen und verglühen und in sich zusammenbrechen.
Haltsuchend klammere ich mich an die Brüstung, heiß durchflutet mich kalte Angst. Ich höre mich schreien und Tränen schießen mir in die Augen. Unten auf der Erde die Bilder und Laute der noch immer fröhlich dahinschlendernden Menschen. Sie nehmen keine Notiz von mir, wie ich auch rufe und sie um Hilfe anflehe, mein Weinen und Schluchzen bleibt ungehört.

Schließlich sinke ich nieder auf den steinigen Boden. Tief unter mir endet der schwarze Abgrund im Nichts. Über mir ziehen weiße Wolken durch das tiefe Blau.

Und ich weiß, jetzt sterbe ich hier oben auf dem Turm.

 

Endlos später wache ich auf.
Da sind die Schritte meiner Mutter auf der Treppe, ich höre, wie sich der Schüssel im Türschloss dreht.
Durch das Fenster schimmert das Licht der Abenddämmerung.

Damals war ich fünf.

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