septemberlich

Septemberlich

Über Nacht ist es Herbst geworden in Paris.

Am Vortag war noch nichts davon zu ahnen, schwül und heiß war er. Ein letztes Mal hatte der Sommer all seine Kräfte versammelt und den Wunsch geweckt, die staubige Stadt hinter sich zu lassen und an die See zu fliehen. Lärmender Verkehr rund um den Place du Caroussel, auf allen Straßen. Die Menschen hektisch und in Eile.

Doch nun scheint alles wie verwandelt:
Der Ostwind, warm noch, hat doch schon die Kraft, die Blätter der Kastanien von den Zweigen zu wehen, spielt ausgelassen mit ihnen, wirbelt sie durch die Luft und fegt sie über den Kiesweg der Tuilerien an mir vorbei und vor mir her.

Wolkenberge jagen hoch über den Himmel. Immer wieder geben sie Fetzen frei von tiefem, kühlem Blau. Erst wenige, dann immer mehr, bis auch die Sonne Raum findet, ihr weiches, warmes Licht auszubreiten und den ganzen Park damit wie in flüssiges Gold zu tauchen und alles, alle damit milde zu stimmen.

Mir ist, als hält die große Stadt den Atem an, so ruhig ist es nun, zu hören nur das Rascheln des Laubes.
Und Kinderstimmen.

Ich gelange ans Oktogonbassin, dem Louvre vis-à-vis, und dort, unter den wohlwollenden Augen ihrer Tanten, Großeltern oder Gouvernanten, spielen sie, die Kinder. Ein Mann bietet Holzschiffe feil auf einem hölzernen Wagen, schlanke Yachten mit großen, weißen Segeln, die die Kindern zu Wasser lassen, auf Kurs bringen und sie alsdann als zierliche Flotille dem Spiel des Windes überlassen, bis die Boote das gegenseitige Ufer erreichen, wo das Spiel von  Neuem beginnt.

Unversehens verwischt die Zeit.

Das Licht, die Ruhe, die Stimmung sind so sonderbar, dass es mich nicht verwundert, die Kinder in Matrosenkleidern und Lackschuhen zu sehen wie auf den Gemälden der Impressionisten. Die Gouvernanten in steifen schwarzen Kleidern mit hohen Kragen, die Tanten in leichten hellen Sommerkleidern, ein zarter Schal um ihre Schultern. Mädchen, die große Reifen mit Stöckchen über den Kies treiben.

Von einem Sonnenstrahl gekitzelt, fühle mich wie eine Katze, die erwacht, sich recken und die Pfoten strecken möchte vor lauter Wohlbehagen. Wärme breitet sich aus in mir.

Ein Mann schlendert lächelnd auf mich zu mit offenem Blick, lädt mich ein auf einen Kaffee. Ein Kompliment. Ich lehne lachend und dankend ab, er sieht es mir nach.

Heute bin ich mir selbst genug.
An diesem glücklichen Tag.

 

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